CIA und LSD

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The Global Hangover Magazin:

CIA und LSD



Jahrzehntelang bemühte sich die CIA, Drogentests an ahnungslosen Versuchspersonen zu verheimlichen. Jetzt steht der Projektleiter vor Gericht.
Es war der berüchtigte eine Drink zuviel, den Stanley Glickman an einem späten Novemberabend des Jahres 1952 im Cafe Select auf dem Pariser Montparnasse von einem Fremden annahm.
Die halbe Nacht hatte der junge Amerikaner mit einer Gruppe von Landsleuten diskutiert, über Gott, die Welt und die Politik.
Als er aufbrechen wollte, drängte ihn einer aus der Runde. in die er zufällig durch einen Bekannten geraten war, zu einem letzten Absacker. Das Gläschen klebrig-süsser Chartreuse warf das Leben des preisgekrönten Nachwuchskünstlers, von dem damals sogar ein Bild im weltberühmten New Yorker Metropolitan Museum hing, völlig aus dem Gleis.
Noch im Lokal erlitt Glickmann schlimme Halluzinationen, sah einstürzende Wände, und wähnte über telekinetische Fähigkeiten zu verfügen. Tagelang wurde er im American Hospital von Paris behandelt, doch der Spuk in seinem Kopf wollte nicht weichen. Bis an sein Lebensende 1992 tappste er als liebenswerter Trottel durch sein Wohnviertel, das East Village in New York, ohne je wieder an seine künstlerische Karriere anknüpfen zu können.

Ein halbes Jahrhundert nach dem verhängnisvollen Abend prüft nun ein New Yorker Bezirksgericht die Vorwürfe, die Angehörige Glickmanns gegen Mitarbeiter der Regierung in Washington erheben: Ein CIA-Agent, so glauben sie zu wissen, habe damals den Likör mit einer überdosis LSD versetzt, um die Wirkung der Psychodroge an dem unfreiwilligen Versuchskaninchen zu erforschen.
Unter dem Vorsitz des Senators Ted Kennedy erfuhr ein Kongressausschuss, und mit ihm m die schockierte öffentlichkeit, dass Amerikas Agenten jahrelang ausserhalb jeder Legalität dieAuswirkung halluzinogener Stoffe ausprobiert hatten an Menschen, die nicht wussten, wie ihnen geschah. " MKUltra "hiess das Verfassung und Menschenrechtswidrige Projekt aus der Zeit des Kalten Kriegs.

Die CIA wollte damals gegen Drogenangriffe der Sowjets gerüstet sein.
Gloria war das einzige Familienmitglied, dem Glickmann schon kurz nach dem Ereignissen von 1952 den Ausgangspunkt seiner dramatischen Persöhnlichkeitsveränderung offenbart hatte.
Nach dem Initialschock im Café, behauptete er, seien ihm im American Hospital noch weitere Drogencocktails und sogar Stromstösse in den Penis verabreicht worden.
Die Schwester überredete Glikman, Klage einzureichen.
Bei ihrer Suche nach Beweisen fanden sie Erstaunliches:Alles was Glikman über jenen Abend und seine Erlebnisse danach
berichtete, entsprach nach Meinung von Lester Grinspoon, schon damals einer der führenden amerikanischen LSD-Forscher, dem berüchtigten Horrortrip, den diese Droge auszulösen vermag.
Und der LSD bedingte Absturz in seelischen Abgründe könne durchaus zu den schwersten, dauerhaften psychischen Schäden führen, meinte Grinspoon.
In den fünfziger Jahren kontrollierten der US-Geheimdiest und das Schweizer Pharmaunternehmen Sandoz, das LSD bei der Medizinforschung entdeckt hatte, den Zugang zu dem Stoff.
Es dauerte noch mehr als ein Jahrzehnt, bis die Bewegung der Blumenkinder auf ihrer Suche nach Bewusstseinserweiterung massenhaft LSD getränkte Löschpapierstreifen als Eintrittskarten ins Land magischer Versionen benutzte.
Trotz der nachweislichen Existenz von MKUltra wehrte die Regierung Glikmans Schadensersatzvorderungen jahrelang mit der Behauptung ab, solche Tests hätten nie im Ausland stattgefunden bis Washington etliche Kanadier mit mehr als einer Millionen Doller entschädigen musste:
Sie waren während der fünfziger Jahre in Montreal ein Opfer von CIA-Experimenten geworden. Dennoch wiesen mehre Gerichte Glickmans Klage ab. aber der Geschädigte lies nicht locker.
Seine Anwälte fanden heraus, das die CIA-Giftmischer sich ganz besonder für die Wirkung von LSD auf Hepatitis-Kranke interessiert hatten.
Glickmann war wenige Monate vor dem desaströsen Hospital von Paris wegen Hepatitis behandelt worden.
Der Verdacht, das Glickmann zu den Opfern der illegalen Rauschgifttests gehörte, verstärkte sich fast zur Gewissheit, als aus CIA-Unterlagen ein streng geheimer Bericht auftauchte.
Das Dokument schilderte, wie über elf Monate eine MKUltra-Versuchsperson beobachtet wurde, ein namentlich nicht genannter Hepatitis-Kranker, "der eine sehr starke Wirkung auf LSD zeigte". Die Aufzeichnungen begannen im November 1952 und ähneln dem Fall Glickmann frapierend.
Das letzte Glied der Inditienkette über deren Beweiskraft nun das Gericht entscheiden wird, ist ein Hinkefuss.
Diese Behinderung hatte Stan bei jenem Mann festgestellt, der in dem Cafò Select den letzten Drink eigenhändig von der Bar holte, obwohl zuvor alle Getränke von Kellner an den Tisch gebracht worden waren.
Eine solche Gehbehinderung ist das besondere Merkmal eines prominenten CIA Mannes: Sidney Gottlieb, Projektleiter für MKUltra.
1973 lies er in abstimmung mit seinem Chef, CIA-Direktor Richard Helms, fast alle einschlägigen Akten vernichten.
Er bestreitet, in der fraglichen Zeit in Paris gewesen zu sein.

Gottliebs frankensteinscher Forschereifer kannte offenbar keine Grenzen. Einem nichts ahnenden Kollegen verabreichte er einen LSD-Cocktail, Tage später sprang der Halluzinierende aus dem neunten Stock seines New Yorker Hotels.
Präsident Ford entschuldigte sich, als der Skandal 1975 aufflog, den Hinterbliebenen wurden 750.000 Doller zugesprochen.
Im Fall Glickmann ist die Verjährungsfrist für Ansprüche gegen den Staat abgelaufen.
Zugelassen wurde jedoch eine Zivilklage gegen die Beschuldigten, von dessen finsterem wirken Stans Familie erst zuletzt erfuhr - Sidney Gottlieb, der DR. Strangelove der CIA.


Quelle: Der Spiegel
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