Muenchen/Munich/München

ONE WORD BARFINDER


THE MUNICH HANGOVER

DIE FLUCHT NACH MÜNCHEN

"Ich musste hinaus in das grosse Reich, das Land meiner Träume und meiner Sehnsucht!"
Adolf Hitler
Am 24. Mai 1913 verliess Hitler Wien und siedelte nach München über. Er war zu diesem Zeitpunkt vierundzwanzig Jahre alt, ein melancholischer junger Mann, der mit einer Mischung von Sehnsucht und Bitterkeit auf eine verständnislose Welt sah. Die Enttäuschungen der zurückliegenden Jahre hatten den grüblerischen, verschlossenen Zug seines Wesens noch verstärkt. Er hinterliess keine Freunde. Wie es seinem ins Irreale ausgreifenden Temperament entsprach, neigte er eher zum Umgang mit einer Personnage im Unerreichbaren: Richard Wagner, Ritter v. Schönerer, Lueger. Der Grundstock persönlicher Anschauungen, den er sich unter dem Druck des Schicksals erworben hatte, bestand aus einigen kategorischen Ressentiments, die sich von Zeit zu Zeit, nach Perioden brütenden Dahindämmerns, in leidenschaftlichen Ausbrüchen Luft machten; er sei, so hat er später bemerkt, von Wien weggegangen als absoluter Antisemit, als Todfeind der gesamten marxistischen Weltanschauung, als alldeutsch. Dieser Kennzeichnung ist allerdings, wie allen seinen Selbstbeschreibungen, deutlich die Absicht der Stilisierung zu früher politischer Urteilssicherheit anzumerken, die ihn bei der Niederschrift seines Buches Mein Kampf durchweg geleitet hat. Dementgegen ist schon die Tatsache, dass er nach München verzog und nicht nach Berlin, in die Hauptstadt des Reiches, ein eher unzweideutiges Indiz für sein anhaltend unpolitisches, oder doch von künstlerisch-romantischen weit mehr als von politischen Motiven geleitetes Naturell. Denn das München der Vorweltkriegszeit hatte den Ruf einer Musenstadt, eines liebenswürdigen, sinnlich-humanen Zentrums von Kunst und Wissenschaft, und die Lebensform des "Kunstmalers" (war) hier die allerlegitimste: München leuchtete, wie eine unvergessliche Formel lautet. Die gern betonte und auffällig gemachte Eigenart der Stadt wurde mit Vorliebe gerade aus dem Gegensatz begründet, den sie zu dem drohnend-modernen, babylonischen Berlin bildete, in dem das Soziale über das Ästhetische, das Ideologische über das Kulturbürgerliche, kurzum: die Politik über die Kunst triumphierte. Der Einwand, München habe weit eher im Dunstfeld Wiens gelegen und deshalb Hitlers Wahl bestimmt, bestätigt gerade, wogegen er sich zu wenden versucht: es waren Motive eines sehr allgemeinen Lebensgefühls und nicht Beweggründe sachlicher Natur, Motive des Dunstfeldes und damit der Kultursphäre, die ihn München wählen und Berlin verwerfen liessen, sofern er sich überhaupt vor eine Entscheidung gestellt gesehen hat. Im Reichshandbuch für die Deutsche Gesellschaft von 1931 hat er bemerkt, er sei nach München übergesiedelt, um ein grösseres Feld für seine politische Tätigkeit zu finden; doch hatte er für diese Absicht in der Hauptstadt des Reiches bessere Voraussetzungen gefunden.

Die innere Trägheit und Kontaktnot, die schon die Jahre in Wien geprägt hatten, kennzeichnen auch den Aufenthalt in München, und mitunter scheint es, als habe er seine Jugend in einem grossen leeren Raum verbracht. Offenkundig knüpfte er keine Verbindungen zu Parteien oder politischen Gruppen an, doch auch ideologisch blieb er einsam. Selbst in dieser intellektuell so unruhigen Stadt mit ihrer menschenverbindenden Aura, in der die fixe Idee als Ausweis der Originalität geschätzt war, fand er keinen Anschluss. Dabei hatte das völkische Gedankengut bis zu den exzentrischsten Varianten in der Stadt seine Parteigänger, desgleichen, vor allem im wirtschaftlich beunruhigten Kleinbürgertum, der Antisemitismus, doch traf man auch die unterschiedlichsten radikalen Bestrebungen von links - dies alles freilich vom Klima Münchens gemildert und in gesellige, rhetorische, nachbarliche Form gebracht. Im Vorort Schwabing trafen Anarchisten, Bohemiens, Weltverbesserer, Künstler und krause Apostel neuer Werte zusammen. Bleiche junge Genies träumten von einer elitären Erneuerung der Welt, von Erlösungen, Blutleuchten, Reinigungskatastrophen und barbarischen Verjüngungskuren für die degenerierte Menschheit. .......

In der SiegfriedstraBe in Schwabing hatte Lenin gewohnt, in der Schleissheimer Strasse Nr. 34, nur wenige Häuserblocks entfernt, nahm jetzt Adolf Hitler als Untermieter des Schneidermeisters Popp Quartier. Nicht anders als die intellektuelle Unruhe ging auch die künstlerische Aufbruchstimmung der Zeit, die in München so spürbar war wie in Wien, an Hitler vorbei. Wassily Kandinsky, Franz Marc oder Paul Klee, die ebenfalls in der Schwabinger Nachbarschaft wohnten und der Malerei neue Dimensionen öffneten, bedeuteten dem angehenden Künstler nichts. In all den Monaten seines Münchener Aufenthalts blieb er der bescheidene Postkartenkopist, der seine Visionen, Alpträume und Ängste hatte, sie aber künstlerisch nicht zu übersetzen verstand. Die pedantische Pinseltreue, mit der er die Gespensterwelt seiner Komplexe und Aggressionen in reinliche Idyllen verwandelte, die jeden Mauerstein, jeden Grashalm, jede Dachpfanne festhielten, offenbarte seine geheimen Bedürfnisse nach Unversehrtheit und idealisierender Schönheit. Je deutlicher sich, tief in ihm, das Bewusstsein seines unzureichenden künstlerischen Vermögens, seines Versagens überhaupt, verfestigte, desto dringender muss er das Bedürfnis empfunden haben, Gründe für die eigene Überlegenheit zu entdecken. Der Zynismus, mit dem er sich zu der Erkenntnis der oft unendlich primitiven Anschauungen der Menschen beglückwünschte, entstammte daher dem gleichen Beweggrund wie die Neigung, überall nur die niedrigsten Triebe am Werk zu sehen, Korruption, verschwörerischen Machthunger, Rücksichtslosigkeit, Neid, Hass: nämlich dem Wunsch, das eigene Leiden an der Welt aufzufangen. Auch der Zufall rassischer Zugehörigkeit hatte ihm vor allem als Ansatzpunkt individueller Überlegenheitsbedürfnisse gedient: als Bestätigung, dass er anders und mehr sei als alle die Proleten, Landstreicher, Juden und Tschechen, die seinen Weg gekreuzt hatten. Doch lastete, so drückend wie je, die Angst auf ihm, bis zur Ununterscheidbarkeit gegenüber Asozialen, Armenhäuslern oder proletarischen Existenzen abzusinken. Die zahllosen Gestalten, die in den vergangenen Jahren im Männerheim an ihm vorbeigezogen waren, die Gesichter aus Lesesaal und dunklen Fluren, die so viele zerstörte Hoffnungen und private Untergänge spiegelten, hatten ihn unverlierbar gepragt; und im Hintergrund das Wien der Jahrhundertwende, eine Stadt in Endzeitstimmung, erfüllt von einem maroden Parfüm: die Schule des Lebens hatte ihn tatsächlich gelehrt, vor allem in Untergangen zu denken. Nichts anderes als die Angst ist denn auch die überwaltigende Erfahrung seiner Formationsjahre gewesen und am Ende sogar, wie sich zeigen wird, der Impuls der atemverschlagenden Dynamik dieses Lebens überhaupt. Sein so kompakt wirkendes Welt- und Menschenbild, seine Härte und Inhumanitat, waren überwiegend Abwehrgeste und Rationalisierung jenes geschreckten Wesens, das die wenigen Zeugen seiner frühen Jahre an ihm beobachtet haben. Wohin er blickte, erkannte er nur Symptome von Erschöpfung, Auflösung, Abschied; Anzeichen von Blutvergiftung, rassischer Uberwältigung; Ruin und Katastrophe. Zwar war er durch diese Grundstimmung dem pessimistischen Lebensgefühl verbunden, das zur tieferen Charakteristik des 19. Jahrhunderts gehört, alle Fortschrittsgläubigkeit und fröhliche Wissenschaft der Epoche spürbar verdunkelnd. Doch in der Radikalität des Gefühls, in der Besinnungslosigkeit, mit der er sich der Angst ergab, machte er sie sich individuell und unverwechselbar zu eigen.

Dieser Bewusstseinskomplex ist denn auch im Hintergrund seiner Behauptung wirksam, warum er schliesslich, nach Jahren der Untätigkeit, der exzentrischen Tagträume, der ständigen Flucht in überspannte Phantasiewelten Wien verlassen hat. Seine Beteuerungen vermischen erotische, alldeutsche und sentimentale Gründe zur Hasserklärung gegen diese Stadt:

Widerwärtig war mir das Rassenkonglomerat, das die Reichshauptstadt zeigte, widerwartig dieses ganze Völkergemisch von Tschechen, Polen, Ungarn, Ruthenen, Serben, Kroaten usw., zwischen allem aber als ewiger Spaltpilz der Menschheit - Juden und wieder Juden. Mir erschien die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande . . . Aus all diesen Gründen entstand immer stärker die Sehnsucht, endlich dorthin zu gehen, wo seit so früher Jugend mich heimliche Wünsche und heimliche Liebe hinzogen. Ich hoffte, dereinst als Baumeister mir einen Namen zu machen und so, in kleinem oder grossem Rahmen, den mir das Schicksal dann eben schon zuweisen würde, der Nation meinen redlichen Dienst zu weihen. Endlich aber wollte ich des Glücks teilhaftig werden, an der Stelle sein und wirken zu dürfen, von der einst ja auch mein brennendster Herzenswunsch in Erfüllung gehen musste: der AnschluB meiner geliebten Heimat an das gemeinsame Vaterland, das Deutsche Reich.

In der Tat mogen solche Motive für den Weggang aus Wien eine Rolle gespielt haben; andere Uberlegungen von grösserem oder geringerem Gewicht haben denkbarerweise den EntschluB mitgetragen. .....

Wenn nicht alles trügt, war er in München nicht ganz unglücklich. Er hat später von der inneren Liebe gesprochen, die ihn vom ersten Augenblick an zu dieser Stadt erfüllt habe, und die ungewöhnliche Wendung vor allem auf die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek zurückgeführt, bezeichnenderweise ein sympathiebegrtindendes politisches Motiv jedoch nicht zu nennen vermocht. Weiterhin war er einsam, verkrochen in der Schleissheimer Strasse, doch scheint er den Mangel an menschlichen Beziehungen jetzt so wenig wie je verspürt zu haben. Lediglich zum Schneidermeister Popp sowie zu dessen Nachbarn und Freunden kam eine lockere Verbindung zustande, die von der gemeinsamen Neigung zu politisierender Geselligkeit ihren Ausgang nahm. Im übrigen hat er offenbar in den Schwabinger Bierstuben, wo Herkunft und Status nichts galten und jedermann sozial akzeptiert wurde, jene Form des Kontakts gefunden, die er einzig ertrug, weil sie ihm Nähe und Fremdheit zugleich gewahrte: lose, zufällige Bierbekanntschaften, die leicht hergestellt und leicht verloren wurden. Dies waren jene kleinen Kreise, von denen er gesprochen hat, wo er als Studierter gaIt und erstmals offenbar weniger Widerspruch als Zustimmung erfuhr, wenn er sich über den brüchigen Zustand der Doppelmonarchie, die Fatalitat des deutsch-osterreichischen Bündnisses, die antideutsch-slawenfreundliche Politik der Habsburger, über das Judentum oder die Rettung der Nation verbreitete. In einer Umgebung, die den Aussenseiter kultivierte und das Genie mit Vorliebe hinter exzentrischen Meinungen und Auftrittsweisen vermutete, fiel er damit kaum auf. Wenn eine Frage ihn erregte, so erfahren wir, begann er nicht selten zu schreien.... Auch liebte er es, zu prophezeien und politische Entwicklungen vorauszusagen. Der Entschluss, mit dem er nicht ganz zehn Jahre zuvor die Flucht von der Schule begründet hatte, war inzwischen aufgegeben: Maler habe er zu jener Zeit nicht mehr werden wollen, hat er später versichert, freilich ohne anzugeben, wie er sich statt dessen die Zukunft vorstellte; er habe damals immer nur so viel gemalt, wie er benötigte, um seinen Lebensunterhalt bestreiten und studieren zu konnen. Doch unternahm er nichts zur Verwirklichung dieser Absicht. Am Fenster seines Zimmers sitzend, malte er weiterhin die kleinen Aquarelle nach lokalen Motiven, Hofbräuhaus und Sendlinger Tor und Nationaltheater und Viktualienmarkt und Feldherrnhalle und wieder Hofbräuhaus: Jahre später wurden sie durch ministeriellen Erlass zu national wertvollem Kunstgut erklärt und meldepflichtig gemacht. Mitunter sass er stundenlang in den Cafés der Stadt, verschlang schweigend riesige Kuchenberge und las dazu die ausliegenden Zeitungen, oder er hockte in der Schwemme des Hofbräuhauses, brütend, leicht gereizt und mit blassem Gesicht. Gelegentlich kritzelte er im Bierdunst flüchtige Motive von Nachbartischen oder bauliches Interieur in das mitgeführte Skizzenbuch. Nach wie vor achtete er sorgfältig auf seine Kleidung, mit Vorliebe trug er einen Frack, wie die Familie seines Vermieters bezeugt hat, auch sie bemerkte den eigentlimlichen Willen zur Distanz, er war nicht zu durchschauen. Von seinem Elternhaus sprach er niemals, von Freunden oder Freundinnen auch nicht. Im ganzen schien er weniger von einem Ziel in Anspruch genommen als von der Abwehr des sozialen Abstiegs. Josef Greiner will ihm damals in München begegnet sein und ihn gefragt haben, wie er sich sein Leben vorstelle; die Antwort habe gelautet, dass es ohnedies in Kürze einen Krieg gäbe. Es sei also ganz gleichgültig, ob er vorher einen Beruf habe oder nicht, denn beim Militar bedeute ein Generaldirektor nicht mehr als ein Pudelscherer .

source : HITLER
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